Glaube ist kein Ersatz für das Wissen, sondern ein nachdenklicher Umgang mit unserem Wissen. Der Glaube beginnt nicht dort, wo das Denken endet, sondern umgekehrt: Der Glaube beginnt aus eigenen Gründen. Wo der Glaube ins Spiel kommt, beginnt das Denken noch einmal neu.

Andreas Knapp (in: Beim Anblick eines Grashalms) 

 

Vorhof-Flimmern

meine Seele, ein Räuberhöhle / geschäftiges Treibens und Lärm

miese Typen tummeln sich da / ein Tempel, in dem Händler feilschen

ach käme er, der Tische umstößt

ihn fleh ich an: treib aus!

sei nicht nur lieb und nett wie sonst / schaffe Platz für dich

"... ich warf mich an die schönen Dinge weg"

Spät hab´ ich Dich geliebt, o Schönheit,
immer alt und immer neu, spät hab´ ich Dich geliebt!
Und sieh´, Du warst in mir;
ich aber suchte Dich draußen
und warf mich an die schönen Dinge weg,
die doch nur Deine Schöpfung sind.
Du warst bei mir; doch ich war nicht bei Dir;
die Schöpfung hielt mich fern von Dir
und hätte doch außer Dir keinen Bestand.
Du hast gerufen und geschrien, meine Taubheit zu sprengen.
Du hast geblitzt und geleuchtet, meine Blindheit zu verscheuchen.
Du hast Deinen Duft verströmt,
ich habe ihn eingeatmet und nun sehne ich mich nach Dir.
Ich habe Dich verkostet;
nun hungere und dürste ich nach Dir.
Du hast mich berührt, 
und nun brenne ich vor Verlangen nach Deinem Frieden..

 

Augustinus,  lateinischer Kirchenvater, Bischof 

Was ich von der Kirche erwarte

„Was ich vom kirchlichen Engagement erwarte, ist, um es vorsichtig zu sagen, die Konfrontation des Menschen mit einer Vertikalen, der ganz anderen Perspektive. Zu vieles, was Staat und Gesellschaft heute bewegt, macht den Eindruck, es gehe um Allerletztes und Allerwichtigstes. Die Kirchen aber sollten daran erinnern, dass viele unserer Debatten sich – im besten Fall – um Vorletztes drehen. Das scheint mir die Aufgabe der Kirche zu sein, die heute am notwendigsten ist: Die Konfrontation des Menschen mit einer Vertikalen.“

Alt-Bundespräsident (Katholikentag 1998)

 

Meister Eckart

Ob wir an Gott glauben oder nicht: Das, was wir von Gott denken, sind menschliche Projektionen. Das, was wir von Gott erhoffen, sind oft große Empfindungen. Ich möchte mich Gott nahe fühlen. Beides - Bilder von Gott und Erwartungen an Gott – kann unserer Gotteserkenntnis im Weg stehen. Wenn wir loslassen und uns einlassen, dann kann etwas Neues beginnen. 

Nicht haben, sondern sein - daraus erwächst das Glück der Menschen. Es tut uns nicht gut, um das Notwendige zum Leben kämpfen zu müssen. Aber wie viel wäre gewonnen, wenn ich mich auf dieses Notwendige beschränken könnte. Dieser Form der Gelassenheit ist im Neuen Testament Seligkeit versprochen.

Soweit du in Frieden bist, soweit bist du in Gott.

Ich kenne einen...

der ließ sich von uns die Suppe versalzen / der ließ sich von uns die Chancen vermasseln / der ließ sich von uns das Handwerk legen / der ließ sich für dumm verkaufen / der ließ sich einen Strick drehen / der ließ sich an der Nase herumführen / der ließ sich übers Ohr hauen / der ließ sich von uns kleinkriegen / der ließ sich von uns in die Pfanne hauen / der ließ sich von uns aufs Kreuz legen / der ließ sich von uns Nägel mit Köpfen machenn / der ließ sich zeigen, was ein Hammer ist / der ließ sich von uns festnageln auf sein Wort /n der ließ sich seine Sache was kosten / 

der ließ sich sehen am dritten Tag

der konnte sich sehen lassen

Feiertagsruhe

Die Feiertagsruhe

ist das sichtbare Zeichen dafür,

dass der Mensch aus der Gnade Gottes 

und nicht aus Werken lebt.

Die Feiertagsruhe

ist die unerlässliche Voraussetzung

der Feiertagsheiligung.

Der zur Arbeitsmaschine herabgewürdigte,

übermüdete Mensch braucht Ruhe,

damit sein Denken sich klären,

sein Fühlen sich reinigen,

sein Wollen sich

neu ausrichten kann.

Dietrich Bonhoeffer

Der Samariter und die Politik

Gewiss ist es unsere Verpflichtung,

die Rolle des barmherzigen Samariters 

für alle diejenigen zu übernehmen,

die am Weg liegengeblieben sind.

Aber das ist nur der Anfang.

Eines Tages müssen wir begreifen,

dass die ganze Straße nach Jericho geändert werden muss,

damit nicht fortwährend Männer und Frauen

geschlagen und ausgeraubt werden.

Martin Luther-King

Mit seiner Lebensangst fertig werden

"Sorget nicht um euer Leben" - was heißt das?

Nun, es bedeutet zuerst eine schier unglaubliche 

Freiheit von der Lebensangst.

Der Mensch, der Jesus Christus begegnet ist,

kann mit seiner Furcht fertig werden.

Aber Furchtlosigkeit heißt nicht Lethargie,

nicht Resignation, nicht Wurstigkeit.

Freiheit von dieser Angst heißt durchaus

im Getümmel stehen, handelnd, Partei ergreifend,

aber zugleich wissend, Partei, Auseinandersetzung,

Leistung, Karriere, das Altwerden, der Tod -

das ist alles nicht das Letzte, nicht das Ziel,

nicht die Mitte und der Sinn.

Freiheit von Lebensangst, von kleiner bedrückender,

auf den Tag schauender Sorge ist die

königliche Freiheit der Kinder Gottes.

Heinrich Albertz

Freiheit durch Bindung

Freiheit heißt, biblisch verstanden:

In der Bindung an den Einen gewinnst du Freiheit von allen anderen.

Je mehr du dich auf den Einen einlässt,

desto weniger bist du den Mächtigen aller Zeiten und Orte ausgeliefert.

Darum ist ein Christ immer ein kritischer, ja ein rebellierender Partner,

wenn ihn die Götter und Götzen aller Programme und Ideologien

in Anspruch nehmen wollen, auch wenn sie

im christlichen Gewande auftreten.  

Heinrich Albertz

Das Heilige schützen

Die Menschen sehnen sich heute danach,

einzutauchen in spirituelle Räume und Orte.

So ist es unsere Aufgabe, das Heilige zu schützen

und zu hüten. Für die Griechen vermag nur

das Heilige den Menschen zu heilen.

Indem wir das Heilige in uns selbst 

und in unserer Liturgie hüten,

schaffen wir heilende Räume

für die Menschen unserer Zeit.

Anselm Grün

Heilige Erinnerung

Wissen, das es nichts Edleres, Stärkeres,

Gesünderes und für das zukünftige Leben

Nützlicheres gibt, als eine gute Erinnerung ...

Eine schöne, heilige Erinnerung, die man 

aus der Kindheit bewahrt, ist vielleicht

die beste Erziehung.

Wenn man viele solcher Erinnerungen

mit ins Leben nimmt, so ist der Mensch

für ein ganzes Leben gerettet.

Fjodor Michail Dostojewski

Warum erschien Gott im Dornbusch?

Ein Heide fragte Rabbi Josua:

"Warum wählte Gott einen Dornbusch,

um mit Mose zu reden?"

Der Rabbi antwortete:

"Hätte er einen Maulbeerbaum gewählt,

so hättest du ja die gleiche Frage gestellt.

Daher sage ich dir: Gott hat den ärmlichen

und kleinen Dornbusch gewählt, um dich

zu belehren, dass es auf Erden keinen Platz gibt,

an dem Gott nicht anwesend ist."

Wodurch die Kirche geheiligt wurde

Die Kirche soll nicht nur im öffentlichen Stadtbild erkennbar sein, sie soll die Öffentlichkeit der Stadt in sich aufnehmen und sie verwandeln - die Leiden einer Stadt, die großen Fragen einer Stadt, den Diskurs einer Stadt, das Gewissen einer Stadt. Wir haben in Leipzig an der Nicolaikirche und anderen ein wundervolles Beispiel. Hier haben sich Menschen versammelt, die Kirche war nicht mehr nur Gottesdienstkirche, sie war ein Ort der Klärung, der Entscheidung, des Erbarmens. Die Kirche wurde geheiligt, indem sie den Nöten der Menschen einen Raum und Sprache und Lieder gegeben hat.    Fulbert Steffensky

...das aber sei dein Heiligtum

Es kann die Ehre dieser Welt

dir keine Ehre geben,

was dich in Wahrheit hebt und hält,

muss in dir selber leben.

Wenn's deinem Innersten gebricht

an echten Stolzes Stütze,

ob dann die Welt dir Beifall spricht,

ist all dir wenig nütze.

Das flücht'ge Lob, des Tages Ruhm

magst du dem Eitlen gönnen;

das aber sei dein Heiligtum:

vor dir bestehen können.

Theodor Fontane

Wort Gottes und Kirche

Der lebendige Gott lässt sich hören - das war die Grunderkenntnis der Reformation: Das Wort Gottes soll Herr sein, und die Kirche soll dienen - und nicht umgekehrt. Dem lebendigen Gotteswort soll die Kirche dienen und nicht sich selbst, ihrer eigenen Macht, ihrem eigenen Ansehen. Wenn das lebendige Gotteswort nicht zu hören ist, dann ist alles andere, Kultus und Liturgie und Kirchenapparat und Frömmigkeit, nichts als schöner Schein und Götzendienst.           Helmut Gottwitzer

Die wunderbaren Jahre

Die Jahre schreiten fort und du bemerkst, dass bestimmte Plätze weiter weg sind als sie vorher waren. Es ist doppelt so weit zur nächsten Bushaltestelle und der Weg dorthin geht jetzt auf einmal bergauf. Hinter dem Bus herzulaufen habe ich aufgegeben, er fährt jetzt viel schneller als früher. Für mich sieht es aus, als hätte man Treppen steiler gemacht als in früheren Tagen; und habt Ihr bemerkt, dass die Buchstaben in den Zeitungen immer kleiner werden? Es hat auch keinen Sinn, jemanden zu bitten, es laut vorzulesen, denn alle murmeln so leise, dass du sie kaum hören kannst. Man hat Schwierigkeiten, seine Schuhe anzuziehen. Hosen sind so eng gemacht, besonders um die Hüfte herum. Ich denke, sie sparen am Material.  Auch Leute ändern sich: Sie sind viel jünger, also ich in dem Alter war. Andere Leute meines Alters sind viel älter, ja sehen viel älter aus als ich. Vor einiger Zeit traf ich einen alten Schulfreund, der so stark gealtert war, dass er mich nicht erkannte. Ich dachte an diese alte Seele, als ich mich vor dem Spiegel kämmte. Aber nicht einmal die Spiegel sind mehr so gut wie früher. Ich stelle fest, wenn man älter wird, hat man so viel Wissen gespeichert, dass es schwierig wird, sich an wichtige Informationen zu erinnern. Zum Beispiel an das griechische Alphabet oder, wo man seine Hausschuhe gelassen hat. Die Verwirrung ist sehr ärgerlich, wenn du treppauf gehst. Auf halbem Wege bemerkst du, du hast vergessen, was du holen wolltest. Du musst dich nun entscheiden: Entweder wieder nach unten zu gehen, um dich zu erinnern, was du holen wolltest, oder weiter nach oben zu gehen und noch etwas zu suchen, was man gebrauchen könnte und mit nach unten nehmen kann. Normalerweise als letztes Mittel setze ich mich auf den Treppenabsatz und denke darüber nach. Nur um zu entdecken, dass ich mich nicht mehr erinnern kann, ob ich unten war und nach oben wollte, oder oben war, um nach unten zu gehen.

Ein Experiment

An einer U-Bahnhaltestelle in WashingtonDC steht an einem kalten Januarmorgen 2007 ein Mann mit einer Violine. Er spielt Bach, auch Schubert. Unzählige Menschen eilen im morgendlichen Berufsverkehr an ihm vorüber. Einige ganz wenige bleiben für kurze Zeit stehen, bevor sie weitereilen. Manche werfen einen Dollar in den Hut des Musikers. Ein Kind möchte stehen bleiben, wird aber von seiner Mutter rasch weitergezerrt. Der Geiger lässt sich von alledem nicht beeindrucken, spielt und spielt, ohne abzusetzen. Nach etwa einer Dreiviertelstunde beendet er sein Konzert. Doch niemand nimmt davon Notiz, kein Applaus ist zu hören. Im Hut haben sich 32 Dollar angesammelt. Der "unbekannte" Künstler dieses kalten Morgens war niemand Geringeres als der Violinist Joshua Bell, einer der besten Musiker der Welt. Unter anderem hatte er an diesem ungewöhnlichen Ort die "Chaconne in d-Moll" von J. S. Bach gespielt, eines der schwierigsten Musikstücke, die jemals geschrieben wurden. Die Geige, die er verwendete, war dreieinhalb Millionen Dollar wert. Zwei Tage zuvor hatte Joshua Bell vor ausverkauftem Haus in Boston das gleich Konzert gegeben. Die Karten kosteten im Durchschnitt über hundert Dollar. Was keiner der an diesem Morgen in der U-Bahnstation an Bell Vorübereilenden wusste: Der Auftritt war ein Experiment der "Washington Post". Dabei sollte erforscht werden, ob Menschen Ästhetik auch in einem ganz alltäglichen Umfeld wahrnehmen und das Besondere auch in einem unerwarteten Kontext erkennen.

Von der Gefahr, ein reifer Mensch zu werden

Die Überzeugung, dass wir darum zu ringen haben, so denkend und so empfindend zu bleiben, wie wir es in der Jugend waren, hat mich wie ein treuer Berater auf meinem Wege begleitet. Instinktiv habe ich mich dagegen gewehrt, das zu werden, was man gewöhnlich unter einem "reifen Menschen" versteht. Der Ausdruck "reif", auf den Menschen angewandt, war mir und ist mir noch immer etwas Unheimliches. Ich höre dabei die Worte Verarmung, Verkümmerung, Abstumpfung als Dissonanzen mit erklingen. Was wir gewöhnlich als Reife an einem Menschen zu sehen bekommen, ist eine resignierte Vernünftigkeit. Einer erwirbt sie sich  nach dem Vorbilde anderer, indem er Stück um Stück die Gedanken und Überzeugungen preisgibt, die ihm in seiner Jugend teuer waren. Er glaubte an den Sieg der Wahrheit; jetzt nicht mehr. Er glaubte an die Menschen; jetzt nicht mehr. Er glaubte an das Gute; jetzt nicht mehr. Er eiferte für die Gerechtigkeit; jetzt nicht mehr. Er vertraute in die Macht der Gütigkeit und Friedfertigkeit; jetzt nicht mehr. Er konnte sich begeistern; jetzt nicht mehr. Um besser durch die Fährnisse und Stürme des Lebens zu schiffen, hat er sein Boot erleichtert. Er warf Güter aus, die er für entbehrlich hielt. Aber es war der Mundvorrat und der Wasservorrat, dessen er sich entledigte. Nun schifft er leichter dahin, aber als verschmachtender Mensch.      Albert Schweitzer

Der Messias ist unter euch

Ein berühmtes Kloster war in große Schwierigkeiten geraten. Waren die vielen Gebäude früher voller Mönche gewesen, schleppte sich jetzt nur eine Handvoll alter Mönche durch die Kreuzgänge und pries Gott mit schwerem Herzen. In der Nähe hatte ein alter Rabbi eine kleine Hütte gebaut, um von Zeit zu Zeit dort zu fasten und zu beten. Solange er dort weilte, fühlten sich die Mönche von seiner betenden Gegenwart mitgetragen. Eines Tages suchte der Abt des Klosters den Rabbi auf. In der Tür umarmten sie sich herzlich und schauten einander lächelnd an. Sie setzten sich an einen Tisch, auf dem die Heilige Schrift geöffnet lag. Sie saßen nicht lange, da bedeckte der Abt sein Gesicht mit den Händen und weinte – weinte wie ein verlassenes Kind. „Du und deine Brüder“, begann der Rabbi, „ihr dient dem Herrn nur mit schwerem Herzen. Ich will dir eine Weisung geben, die du aber nur einmal wiederholen darfst. Danach darf niemand sie je wieder ausprechen.“ Der Rabbi schwieg eine Weile. Dann sagte er: „Die Weisung lautet: Der Messias ist unter euch!“ Am nächsten Morgen rief der Abt seine Mönche zusammen und erzählte ihnen von seiner Begegnung mit dem Rabbi und auch davon, dass dessen Weisung nie wieder laut ausgesprochen werden dürfe. Dann schaute er die Brüder der Reihe nach an und sagte: „Die Weisung lautet: In einem von uns ist der Messias!“ Die Mönche reagierten bestürzt. Wer ist es? Bruder Johannes oder Pater Markus? Oder Bruder Thomas? Seitdem gingen die Mönche ganz anders miteinander um: ehrlicher, herzlicher, freundlicher, ehrfürchtiger, demütiger. Sie lebten jetzt zusammen wie Menschen, die endlich etwas gefunden hatten. Die gelegentlichen Besucher zeigten sich betroffen und angesprochen von diesem Geist, der jetzt von den Mönchen ausging. Und es dauerte nicht lange, da kamen die Menschen von nah und fern, und auch die Chorstühle füllten sich wieder.

Advent, Advent...

In den Wochen vor Weihnachten wanderte ich einmal durch eines unserer Häuser in Bethel. Da fand ich ein kleines krankes Mädchen, das mit vergnügtem Gesicht aufrecht in seinem Bett saß. Als ich zu ihm kam, rief es mir schon von weitem zu: „Onkel Pastor, ich weiß ein Geheimnis!“ „So“, sagte ich, „was ist denn das für ein Geheimnis?“ „Du musst mir erst fünf Pfennige schenken, dann sage ich es dir.“ Dabei guckte es mich so schelmisch und zuversichtlich an, dass ich nicht anders konnte, als seine Bitte erfüllen. Ich legte also ein Fünfpfennigstück vor ihm auf die Bettdecke: „Nun lass mich dein Geheimnis wissen.“ Da faltete die Kleine andächtig ihre Hände und sagte nur diese Worte: „Advent – Advent – Advent – Advent – Weihnachten!“ Zuerst musste ich lachen und denken: Kind, dafür hätte ich nicht fünf Pfennig zu zahlen brauchen. Das weiß ich selber. Aber dann blieb der Klang der Kinderstimme in meinem Ohr und Herzen hängen: „Advent – Advent – Advent – Advent – Weihnachten!“ Es war, wie wenn eine große Glocke läutet, und ihre vier letzten Schläge klingen feierlich durch die schweigende Stille; und dann fällt plötzlich die Orgel ein mit fröhlichem Jubel. Es war, wie wenn jemand im Dunkeln langsam eine Treppe hinaufsteigt, eine Stufe nach der andern; und plötzlich, wie er oben ist, springt vor ihm eine Tür auf, und alles wird hell. Das kleine Mädchen ahnte, was das Geheimnis der Adventszeit ist: Warten und Wandern, Wandern und Warten, bis Weihnachten kommt.      Friedrich von Bodelschwingh

Adventliche Gedanken

Den diesjährigen Advent sehe ich so intensiv und ahnungsvoll wie noch nie. Wenn ich in meiner Zelle auf und ab gehe, drei Schritte hin und drei Schritte her, die Hände in Eisen, vor mir das ungewisse Schicksal, dann verstehe ich ganz anders als sonst die alten Verheißungen vom kommenden HERRN, der erlösen und befreien wird... . Der Schrecken dieser Zeit wäre nicht auszuhalten - wie überhaupt der Schrecken, den uns unsere Erdensituation bereitet, wenn wir sie begreifen -, wenn nicht dieses andere Wissen uns immer wieder ermunterte und aufrichtete, das Wissen von den Verheißungen, die mitten im Schrecken gesprochen werden und gelten.      Alfred Delp, Priester, Mitglied des Kreisauser Kreises, Sommer 1944 verhaftet und Februar 1945 hingerichtet

Sehnsucht

Der heilige Augustinus schreibt: „Die Sehnsucht Gottes ist der Mensch." Schließe ich mich dem an, darf ich sagen: Weil Gott Sehnsucht hatte, hat er die Welt, hat er den Menschen geschaffen: „Gott hatte Sehnsucht nach Wesen, die gemeinsam mit ihm lieben", so drückt es der Franziskanertheologe Johannes Duns Scotus aus. Die Sehnsucht ließ Gott Mensch werden. Diesen historischen, diesen einmaligen heilsgeschichtlichen Anfang macht Gott - aus Sehnsucht! Darum die Menschwerdung Gottes. Die Sehnsucht lässt den Mann die Frau, die Frau den Mann suchen und finden. Weil meine Eltern Sehnsucht hatten, bin ich. Die Sehnsucht ist der Motor, die Kraft meines Anfangs - und meines Anfangens.

Das Jüngste Gericht: Eine "Wohltat"

Doch gerade angesichts dieser religiösen Lust, über andere zu richten, bedeutet das jüngste Gericht eine befreiende Wohltat. Denn dann wird alles menschliche Richten für immer ein Ende haben. Wenn Jesus Christus auf dem Richterstuhl sitzen wird, dann wird es aus sein mit der von allen menschlichen Tätigkeiten wohl problematischsten Tätigkeit: dann ist uns das Richteramt für immer entzogen. Daß der Mensch dieses Amt begehrt, daß er sich das Richteramt angemaßt hat, das ist nach biblischem Urteil ja der harte Kern aller Sünde, der harte Kern seiner Begierde, wie Gott sein zu wollen (Gen 3,5). Und dass er fortan nicht mehr Mensch sein kann, ohne richten zu müssen, das ist der Fluch, den diese Sünde nach sich zog. Wir müssen nun richten, wenn die von uns selbst zutiefst bedrohte Ordnung des Zusammenlebens nicht zusammenbrechen soll. Das jüngste Gericht ist die Erlösung des Menschen vom Richteramt und insofern eine uns widerfahrende Wohltat. Es tut dem Menschen gut, nicht mehr richten zu müssen: weder andere noch sich selbst.

Eberhard Jüngel